Nach Unfall: Gründungsvater muss Bett hüten
Initiativgruppe Gedenkmarsch liegt Rolf Nicolaus am Herzen / Wegen Fußverletzung ist er am Sonntag nur in Gedanken dabei
Machern/Lübschütz. Gern hätte er am Sonntag das Dutzend voll gemacht. Rolf Nicolaus, einer der Gründungsväter der "Initiative Gedenkmarsch", wird erstmals fehlen, wenn die Teilnehmer gegen 9 Uhr von Borsdorf in Richtung Wurzener Friedhof ziehen. Doch der Lübschützer ist auf dem heimischen Sofa zumindest in Gedanken bei seinen Gleichgesinnten, die mittlerweile zum zwölften Mal an jene KZ-Häftlinge erinnern, die kurz vor Kriegsende aus evakuierten Leipziger Lagern auf Todesmärsche geschickt wurden.
"Ich hatte einen Unfall", entschuldigt sich der 80-Jährige beinahe: "Mit der Handkreissäge wollte ich das Gestrüpp im Garten bearbeiten, da fiel mir das Gerät auf den Fuß. Dummerweise trug ich Badelatschen, die Zehe war ab." Zwar konnte sie wieder angenäht werden, doch musste Nicolaus drei Wochen im Krankenhaus bleiben. Noch immer hütet er das Bett.
Gerade am Sonntag wird ihm das besonders schwer fallen. Die Erinnerung an die Todesmärsche liegt ihm am Herzen. Als kleiner Junge sah er in Püchau mit eigenen Augen, wie Häftlinge durch die Straße getrieben wurden. Ein Anblick, den er nie vergessen kann. Jedes Jahr ist er noch heute dabei, wenn Macherner Bürger in Lübschütz den von den Nazis hingerichteten Maler Alfred Frank ehren: "Es ist überliefert, dass sich Alfred Frank immer wieder auch für Zwangsarbeiter eingesetzt, sie mit Kleidung und Brot versorgt hatte", sagt Nicolaus. Aus dem Lübschützer Gedenken an Alfred Frank entwickelte sich 1999 die "Initiativgruppe Gedenkmarsch". Man habe ein noch sichtbareres Zeichen gegen Nazis setzen wollen, erinnert sich Nicolaus, der fortan jedes Jahr zwischen Borsdorf und Wurzen unterwegs war. Er marschierte nicht nur, sondern wirkte entscheidend an der Erarbeitung einer Wanderausstellung zu den Todesmärschen mit, die traditionell an jedem Etappenort gezeigt wird. "Trotz aller Nachforschungen wissen wir immer noch zu wenig", stellt Nicolaus fest. "Anfangs waren nur Bruchstücke bekannt. Im Laufe der Jahre haben wir versucht, all die Augenzeugenberichte wie ein Puzzle zusammenzuführen. Wir beschränken uns dabei nicht nur auf die Geschehnisse um Wurzen, sondern beginnen auch mit der Aufarbeitung von Todesmärschen anderswo, etwa in Colditz."
Wegzeichen markieren inzwischen nicht nur den Streckenverlauf, sondern berichten von ganz persönlichen Schicksalen: "In Machern legen die Teilnehmer des Gedenkmarsches jedes Jahr Blumen am Wegzeichen in der Leipziger Straße nieder. Eine entkräftete junge Frau, die nicht mehr weiterlaufen konnte und sich in den Straßengraben absetzte, wurde hier abgeknallt. Noch immer ist unklar, wo sie beerdigt wurde. Es kursierten Gerüchte, sie sei in der Selbstmörderecke verscharrt worden. Doch gesicherte Erkenntnisse fehlen. Im Kirchenbuch gibt es keine Eintragung."
Nicolaus freut sich, dass der Gedenkmarsch auch von Bürgermeistern, Politikern, Kirchgemeinden und Schauspieler Peter Sodann als Schirmherr aktiv unterstützt wird. Spätestens Ende Mai will der 80-jährige Gründungsvater wieder "auftreten" können: "Dann ehren wir Alfred Frank." Haig Latchinian
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