Nichts als die Wahrheit im strengen Scheinwerferlicht
Christa Wolfs Kassandra wirft im D5 die großen Fragen des Lebens auf
Wurzen. Mit einer Denkerfalte wurde der Zuschauer am Sonnabendabend im D5 zurückgelassen. Denn leicht ist Wahrheit nicht immer. Und Christa Wolfs Erzählung Kassandra, hier als Ein-Personen-Stück auf die Bühne gebracht, schon gar nicht. Es ist nicht nur die Geschichte über den Trojanischen Krieg aus der Sicht einer Seherin, Kassandra, es ist der Weg zum Ich, das Sich-Widersetzen einer Frau gegen das Patriarchat, die Absage an gesellschaftliche Fesseln und die Frage, was Wahrheit ist, was sie nutzt, wenn ihr keiner Glauben schenkt. Und es sind die uralten Geschichten der Menschheit, aus denen wohl noch in hundert Jahren große Gefühle entstehen: Liebe, Freundschaft, Verzweiflung, Ehre, Krieg und Gier.
So ziehen sich die Parallelen der griechischen Mythologie bis in eine atomstromdiskutierte Gegenwart, in der der Sinn nach Kriegen, wie schon zu Zeiten König Priamos von Troja und Königin Hekabes, immer noch offen bleibt. Ihre Tochter Kassandra sagt den Niedergang deren Reich hervor, unter Schmerzen bricht es aus ihr heraus, ihr Bruder Paris dürfe nicht los segeln - der Untergang sei sonst gewiss. Doch er tat es und er raubte die schöne Helena und zuletzt steht Troja in Flammen. Kassandra dagegen wird schon zuvor für wahnsinnig erklärt, als Frau darf sie nicht an Politik teilhaben, andere Prophezeiungen werden fast schon bestellt und erzwungen.
Regisseur Günter Bauer und Darstellerin Cornelia Gutermann-Bauer geben dem Zuschauer Raum zur Interpretation. Nichts als ein schwarzer Vorhang, wechselndes Licht und die Wahrheiten der Kassandra sind auf der Bühne. Außer einem recht wortgetreuen Monolog und der Mimik Cornelia Gutermann-Bauers bekam das Publikum am Sonnabendabend im D5 nichts an die Hand, wie es Wolfs Werk verstehen könnte. Die Stimme der Schauspielerin allein erfüllte den Raum, nichts stand der Wahrheit, nichts ihrer Deutung im Wege.
Das Stück hatte anlässlich der Gleichstellungswoche der Verein Netzwerk für Demokratische Kultur ausgesucht. Egal, wie man das Stück deuten mag, man möchte doch immer mit Bertold Brecht enden: "Wer die Wahrheit nicht kennt, ist nur ein Dummkopf. Wer sie aber kennt, und sie eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher."
Magdalena Fröhlich
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