Alle zwei Jahre dokumentieren wir Projekte und Veranstaltungen des NDK ausführlich in gedruckter Form. Das aktuelle Exemplar, die Chronik 2007/2008, schicken wir Ihnen gerne kostenlos zu. Ein kurzer Anruf, eine Mail oder Postkarte genügt!
Dokumentation 2007/2008
Bildungsreisen
Seit dem Jahr 2000 führt das NDK regelmäßig Bildungsreisen und Gedenkstättenfahrten durch.
Bisher haben folgende Fahrten statt gefunden:
- Juni 2000: Bildungsreise nach Tschechien ins ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt (Terezin).
- Oktober 2000: Bildungsreise nach Polen ins ehemalige Vernichtungslager Auschwitz (Oswiecim)
- Mai 2001: Bildungsreise auf den Spuren von Anne Frank
- Oktober 2001: Bildungsreise nach Tschechien ins ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt (Terezin).
- März 2002: Bildungsreise nach Polen ins ehemalige Vernichtungslager Auschwitz (Oswiecim)
- April 2002: Tagesfahrt ins Jüdische Museum Berlin
- April 2003: Bildungsreise "Stasi intern"
- Oktober 2009: Bildungsreise "20 Jahre danach - was geht mich die DDR an?"
Juni 2000: Theresienstadt
Die erste Bildungsreise des NDK führte in das kleine tschechische Terezin. Das liegt etwas abseits genau in der Mitte des Weges von Dresden nach Prag am Fluss Ohre. Nicht aber die Stadt mit ihren knapp 7000 Einwohnern war eigentliches Ziel unserer Reise, sondern deren Geschichte und Gedenkstätten. Während der Zeit des Nationalsozialismus und der deutschen Okkupation der Tschechoslowakischen Republik richteten die Nazis in der ehemaligen Festung Theresienstadt, die das gesamte Stadtgebiet einschloss, ein Ghetto für die europäischen Juden ein. Die außerhalb liegende Kleine Festung wurde Gefängnis für vor allem politische Gefangene. 30 Jugendliche aus dem Muldentalkreis – meist Schülerinnen und Schüler – besuchten gemeinsam jene Orte, die vom Grauen und Schicksal der vielen Tausenden Menschen erzählen, die dieses “Durchgangslager” als “Vorhof zur Hölle” erleben mussten. Die meisten der gefangenen Juden aus ganz Europa wurden nach Auschwitz deportiert und vergast. In den sieben Tagen beschäftigten sich die Jugendlichen unter Anleitung von europäischen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen und Friedensdienste sehr intensiv mit den Verbrechen der Deutschen, der Shoa und den Schicksalen der dort gelittenen Menschen. Sie sahen im Ghettomuseum alte Fotos, Briefe, Namenslisten, Koffer, Geschirr, Spielzeug, Zeichnungen – Dinge, deren Besitzer nicht mehr leben. Sie hörten den erschütternden Bericht der Holocaustüberlebenden Dagmar Lieblova über ihre Kindheit im Lager und ihre Rettung. Sie betraten die Todeszellen und den Erschießungsplatz im Gestapogefängnis. Sie erfuhren von der im Lager uraufgeführten Kinderoper Brundibar. Sie besuchten das jüdische Viertel in Prag und erfuhren von Hitlers Plänen von einem “Museum einer ausgestorbenen Rasse”. Sie kramten im Archiv in alten Akten nach Namen und Orten oder erarbeiteten kurze Vorträge zu spezielleren Themen. Und sie sahen den Film Der letzte Schmetterling, nach dessen Ende minutenlanges Schweigen den Raum umhüllte.
April 2003: „Stasi intern“
Mit dem Bildungsangebot „Stasi intern“ wagte das NDK im April 2003 die Konfrontation mit der jüngeren deutschen Vergangenheit. Viele Jugendliche kennen das System der Staatssicherheit der ehemaligen DDR zumeist nur aus Geschichtsunterricht und aus Medienberichten. In den Familien wird nur selten über diesen Aspekt der Vergangenheit gesprochen, obgleich die DDR die Eltern- und Großelterngeneration der Jugendlichen nachhaltig geprägt haben dürfte. Für viele Menschen ist die Staatsicherheit eine unangenehme Erinnerung an eine Vergangenheit, die sie selbst noch erfahren haben. Die Bildungsreise führte eine Gruppe von 25 Jugendlichen aus dem Muldentalkreis nach Berlin sowie an die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Marienborn. Begonnen hatte der Sprung in die Vergangenheit bereits Anfang April mit einem Besuch im Museum „Runde Ecke“ in Leipzig, dem ehemaligen Stasihauptquartier des Bezirks Leipzig. Dieser Besuch ermöglichte ein erstes Eindenken in die Vergangenheit und ermöglichte einen Überblick über die historischen Tatsachen und abstrusen Methoden der Staatssicherheit. Ende April 2003 begann die Entdeckungsreise nach Berlin. Die Bildungsreisenden bezogen ihr Quartier im Jugendhotel „Krokodil“ in Berlin-Köpenick, direkt an der Spree gelegen. Die folgenden vier Tage waren angefüllt mit vielen verschiedenen Lernfeldern und –orten. Begleitet wurde die Reise von den MitarbeiterInnen der Gedenkstätte Normannenstraße, dem ehemaligen Sitz des Ministeriums für Staatssicherheit. Die Beschäftigung mit der Stasi erfolgte über Vorträge, Museumsbesuche, ZeitzeugInnengespräche, Selbststudium und Diskussionen. Besonders beeindruckend war der Besuch im ehemaligen Staatssicherheitsgefängnis in Hohenschönhausen. Die Räumlichkeiten wirkten beklemmend auf die meisten Jugendlichen. Besonders die Erfahrungsberichte eines ehemaligen Gefangenen gingen unter die Haut. Das ausgeklügelte System von Macht und Ohnmacht, Spitzelei und Privilegien wirkte schockierend und aus heutiger Sicht realitätsfern auf viele Jugendliche. Ein besonderer Höhepunkt der Reise war die Teilnahme an einem Planspiel, das eine mögliche Situation aus dem Leben in der DDR nachstellen sollte, die Verstrickung scheinbar oppositioneller Jugendlicher in den Netzen des Staates. Eine Gruppe versetzte sich in die Lage jugendlicher Musiker, die an den engen Grenzen staatlicher Moral- und Lebensvorstellungen aneckten. Eine weitere Gruppe spielte Parteimitglieder, die dritte Gruppe versetzte sich in die Rolle von MfS-Offizieren. Ziel dieses Planspieles war es, sich mit den Rollen, ihren Charakteren, Aufgaben, Zwängen und Wünschen zu identifizieren und die „Funktionalität“ des Systems und seines Geheimdienstes zu verstehen. Mit fortschreitendem Rollenspiel gerieten die jungen Musiker mehr und mehr unter Konformitätszwang durch die Staatsorgane. Zum Ende der Spielphase befanden sie sich in auswegsloser Lage, Strafandrohungen und Schulverweise wurden ausgesprochen, die Machtverhältnisse des Staates sowie das ohnmächtige Ausgeliefertsein waren für alle TeilnehmerInnen deutlich spürbar. Um die vielen Eindrücke verarbeiten zu können, wurden abends Reflexionsgespräche angeboten. Berlin bot darüber hinaus viele weitere historische Orte, die eine Beschäftigung mit der Vergangenheit ermöglichten und gleichzeitig die Verbindung zum Leben in unserer parlamentarischen Demokratie herstellten. Heute ist die DDR Vergangenheit. Indem wir versuchen, die Vergangenheit mit Hilfe der Bildungsangebote der Geschichtswerkstatt individuell erfahrbar zu machen, hoffen wir, durch diese Auseinandersetzung mit den Fehlern der Vergangenheit dem Verdrängen derselben entgegen zu wirken, und auch die Verletzlichkeit essentieller Grundwerte bewusst zu machen. Aus diesem Grund wird das NDK auch in Zukunft Bildungsreisen veranstalten. Bleiben wir gespannt.
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- Bildungsreise Auschwitz-Birkenau 2002