Ich finde die Arbeit des NDK wichtig, weil …

das NDK selbstbewußt, aber nicht selbstgefällig, selbstkritisch, aber nicht selbsterhöhend ist, weil es überzeugt und überzeugend auch auf Menschen mit anderer Meinung zugeht, und weil es nichts und niemanden über einen Kamm schert, doch Probleme klar anspricht."

Carl Rößler – Dipl.Ing., Mitarbeiter Stadtverwaltung i.R.
Geschlafen wird später!
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1. April 2008

Ich Wähle!

Deine Stimme zählt!

Anlässlich der Kommunalwahlen in Wurzen am 8. Juni 2008 wies das Projekt „Ich wähle“ schon 10 Tage im voraus auf das Ereignis an sich hin und auf die Möglichkeiten jedes Einzelnen, an diesem demokratischen Prozess teilzunehmen und somit das eigene Lebensumfeld mitzugestalten. Nach Vorstellung der Projektidee bei der Trägerkonferenz des Lokalen Aktionsplans (LAP) Anfang Februar 2008 fanden sich mehrere interessierte MultiplikatorInnen, die bis zum Tag des Grundgesetztes am 23. Mai (Projektauftakt) Teilnehmergruppen zusammen stellten.

Ein Team bildete die Junge Gemeinde der Evangelischen Kirche gemeinsam mit dem teils russlanddeutschen Klientel des Jugendclubs Schweizergarten. Diese Gruppe agierte von den Räumlichkeiten des Jugendclubs heraus unter künstlerischer Leitung der selbstständigen Soziologin Martina Glass, die pädagogisch vom Gemeindepädagogen Stefan Winkelmann und dem Sozialarbeiter Andreas Graul unterstützt wurde.

Ein weiteres Team bildeten Ehrenamtliche des Netzwerks für Demokratische Kultur unter der Leitung von Monika Brock, selbstständiger Dekorateurin und Mitarbeiterin im Schauspielhaus Leipzig. Das Kinder- und Jugendhaus Wurzen (KiJuWu) zeigte anfangs großes Interesse und beantragte auch Cofinanzierung für das Projekt beim LAP. Mehrere Projekttreffen vor dem 23. Mai verliefen unter Beteiligung aller Projektleiter ausgesprochen konstruktiv. Bei der Auftaktveranstaltung wurden die drei „Wahlfarben“ türkis, orange und pink unter den Gruppen verlost und auch die zwei angemieteten leer stehenden Ladenlokale zugeordnet.

Im Projektverlauf war die Beteiligung der Jugendlichen aus dem KiJuWu, trotz mehrere Gespräche des künstlerischen Leiters, Jens Uwe Dittrich (selbstständiger Sattler) und dem NDK-Projektleiter Stephan Meister mit ihnen, schwierig. Es gelang jedoch, eine im KiJuWu probende Breakdance-Gruppe für das Projekt zu gewinnen. Von der Idee dreier konkurrierender Gruppen wurde auch deshalb im allseitigen Einvernehmen Abstand genommen, vielmehr wurde beschlossen, die beiden Ladenlokale und den öffentlichen Raum gemeinsam zu bespielen.

In der ersten Woche des Projektzeitraums wurden Schaufensterdekorationen, Collagen, Skulpturen, Installationen und Lichtobjekte in den Ladenlokalen und den Fenstern des Jugendclubs platziert. Außerdem bereiteten sich die Teams auf das Stadtfest vor, bei dem Aktionen für Samstag, den 31. Mai 2008 geplant waren. Dort präsentierten sich die Breakdancer, Wahlkrapfen wurden gebacken, Wahllimonade in den Projektfarben ausgeschenkt; die Besucher nahmen die Möglichkeit wahr, ihren eigenen Kandidaten zu malen und im Wasserbottich nach Stimmen (selbst gestalteten Wahl-Buttons) zu angeln.

Ebenso wurde versucht, mit den zu ergänzenden Aussagen: „Ich wähle, weil.../Ich wähle nicht, weil...“ die Einstellung der Bürger zur Wahl zu erfahren. Eine „Wahltonne“ mit Klanginstallation erregte Aufmerksamkeit. Am Abend setzte das Berliner Magma-Theater das Thema „Wahl“ bzgl. Publikumsverhalten bei fragwürdigen TV-Casting-Shows in Szene.

Eine Schülergruppe des Berufsvorbereitenden Jahres (BVJ) der Berufsschule Wurzen traf sich in der ersten Juniwoche an drei Vormittagen, verfasste einen „Wahl“-Rap und hielt diesen auch filmisch fest. Nach den Aktivitäten der „Wahlkandidaten“ sollten im letzten Teil des Wahlkampfes nun die „Wahlberechtigten“, also alle interessierten Bürger, aktiv werden. Eine Vielzahl von Fahnen in den o.g. Projektfarben wurden kostenlos verteilt und sollten am Wahltag an privaten Hausfassaden befestigt werden. Durch die bunten Flächen in der Stadt sollte zum einen die Wahlbeteiligung als auch die Möglichkeit, durch die eigene Wahl mitzugestalten, sichtbar gemacht werden. Das sich stetig farbig verändernde Stadtbild sollte verdeutlichen, dass jede einzelne Stimme von Bedeutung ist und das Ganze gestaltet.

Die Nachfrage nach Fahnen war leider gering, beim Verteilen derselben reagierten viele geradezu ängstlich, „da sie mit Politik nichts zu tun haben wollten“. Schüler des Evangelischen Schulzentrums Leipzig, die im NDK an einem Workcamp teil nahmen, entschlossen sich deshalb am Wahlwochenende, die Fahnen im ganzen Stadtgebiet an Litfaßsäulen, Masten, Zäunen und leer stehenden Häusern zu befestigen, sowie Aufkleber in den entsprechenden Farben mit dem Spruch „Ich wähle“ anzubringen, um das Projekt mit seinen leuchtenden Farben im Stadtbild noch einmal sichtbar zu machen.

Am Tag vor der Wahl, dem 7. Juni 2008, wurden alle transportablen Kunstwerke von den Teilnehmern mit musikalischer Begleitung der Band Klezmerpack in einem bunten Umzug durch die Stadt zum Kultur- und BürgerInnenzentrum D5 gebracht, wo sie zu einer Abschlusspräsentation dekoriert wurden.

Die Arbeit der Kunstteams basierte ausschließlich auf Freiwilligkeit. Insgesamt waren hier ca. 70 Personen aktiv. An den Aktionen beim Stadtfest nahmen nochmals ca. 40 BürgerInnen teil, etwa eben so viele beteiligten sich durch das Heraushängen der Fahnen.

Während die Gruppenteilnehmer nach anfänglicher Zurückhaltung im Laufe der 2 Wochen mit wachsendem Engagement Ideen entwickelten und umsetzten, war die Beteiligung der Bürger leider sehr zurückhaltend. Vor dem Hintergrund der DDR-Diktatur bereitete die Nutzung von Fahnen – trotz unverfänglicher Farben – einigen BürgerInnen Probleme. Auch konnten sie die künstlerische Ebene des Projektes nur schwer von einer politischen trennen.

Die Presse begleitete das Projekt anfangs gut, dann nahm der Kommunalwahlkampf allerdings größeren Stellenwert ein. Öffentliche Aufmerksamkeit konnte durch Nutzung der Schaufenster in großem Umfang erzielt werden.

Die transportablen Kunstgegenstände blieben bis September 2008 im Kultur- und BürgerInnenzentrum D5 ausgestellt. Der Kommunalwahlkampf ging für Wurzen in eine zweite Runde; erst in der Stichwahl am 23. Juni konnte sich ein parteiloser Oberbürgermeisterkandidat mit 60% der Stimmen gegen den Amtsinhaber durchsetzen. Die Wahlbeteiligung war mit knapp 50% ungewöhnlich hoch. Ein Erfolg, der sicher teilweise mit dem Projekt „Ich wähle!“ zusammen hängt.

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